Unser Selbstverständnis
Das Selbstverständnis des Verbandes enthält Optionen, die Leitbilder des verbandlichen Handelns auf allen Ebenen sind. Sie sind für alle ehrenamtlichen und hauptberuflichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Herausforderung, ihr Handeln immer wieder neu daran auszurichten. Dies gilt für die konkreten Angebote für junge Menschen, insbesondere Mädchen und junge Frauen wie für das politische Engagement für die Interessen dieser Menschen.
1. Wurzeln
Der Kölner Verband IN VIA Katholischer Verband für Mädchen- und Frauensozialarbeit wurde 1898 gegründet. Der Verband entstand in der Zeit der Industriealisierung, in der viele junge Mädchen und Frauen vom Land in die Stadt gingen um Arbeit zu finden. Sie kamen am Bahnhof an und waren oft mittel- und orientierungslos und benötigten Hilfe: Beratung, seriöse Stellenvermittlung, Wohnunterkunft und Schulung.
Katholische Frauen aus Adel und Bürgertum ergriffen in sozialer Verantwortung Partei für Mädchen und junge Frauen der unterprivilegierten Schichten. Sie erkannten die Situation alleinreisender, Arbeit suchender Mädchen nicht nur als persönliche, sondern als gesellschaftlich bedingte Notlage. Sie suchten nach Wegen und Organisationsformen der individuellen Hilfe und Unterstützung, aber auch nach Möglichkeiten der gesellschaftlichen und politischen Einflussnahme.
Die Gründung des „Katholischen Mädchenschutzvereins“ (erster Name des Vereins) erfolgte durch Jeanne Trimborn, die gleichzeitig Gründungsmitglied des katholischen Deutschen Frauenbundes war, der sich damals als Dachverband der katholischen Frauenverbände verstand.
Das erste katholische Vereinshaus des Katholischen Mädchenschutzvereins befand sich in Köln, Georgstraße 7, heute Sitz des Diözesan-Caritasverbandes des Erzbistums Köln.
2. Standort
IN VIA - ein kirchlicher Verband, der seine Aufgaben in der Begegnung mit jungen Menschen und der Zuwendung zu ihnen gefunden hat, wenn sie auf Hilfe und Begleitung angewiesen sind – damals wie heute.
Die Arbeit von IN VIA versteht sich also als Dienst am jungen Menschen, sie bietet ihnen eine personale Wegbegleitung aus dem Geist gelebten Christentums. Vorrangig bietet IN VIA jungen Menschen Hilfen zur Vermeidung und zur Überwindung sozialer Benachteiligungen und individueller Beeinträchtigung an und zwar unabhängig von Staatsangehörigkeit, Status und Religion. Besondere Beachtung schenkt der Verband dabei den ortsfremden und von Berufsnot betroffenen jungen Menschen. Damit verwirklicht IN VIA einen Dienst der Kirche in der persönlichen Begegnung und tätigen Solidarität mit ärmeren und benachteiligten Menschen. Dies geschieht in der biblischen Option für die Armen. Ziel ist es, Ausgrenzung zu verhindern und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.
IN VIA als kirchlicher Verband:
IN VIA übt in seinen Tätigkeitsfeldern den diakonischen Auftrag der katholischen Kirche aus. So wird für viele durch das Handeln der ehrenamtlichen und der beruflichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von IN VIA Kirche erfahrbar. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind Glieder der Kirche und in ihr bewusst tätig. Sie wollen ihre Kräfte innerhalb der Kirche bündeln und wirksam werden lassen.
IN VIA im Spannungsfeld Kirche und Gesellschaft:
IN VIA ist kirchliche Struktur in der Gesellschaft und zugleich gesellschaftliche Struktur in der Kirche. Damit begibt sich IN VIA in das Spannungsfeld zwischen Kirche und Gesellschaft, zwischen kirchlichen Normen und der Pluralität von Werten in unserer Gesellschaft, zwischen befreiender Botschaft des Evangeliums und vielfältigen gesellschaftlichen Machtverhältnissen.
IN VIA als Fachverband der Caritas:
IN VIA ist ein Fachverband im Caritasverband und über ihn vertreten in den Gremien der freien Wohlfahrtspflege. Der spezifische Beitrag von IN VIA innerhalb der Caritas ist die Parteilichkeit für junge Menschen, insbesondere für Mädchen und junge Frauen, und hier vor allem der präventive Ansatz der Arbeit.
IN VIA ist als Verband innerhalb der freien Wohlfahrtspflege anerkannter Träger der Jugendhilfe.
IN VIA als internationaler Verband:
IN VIA ist Mitglied der europäischen CRE1) (Commission Régionale Europe) und des internationalen Verbandes ACISJF-IN VIA (Association(ale) Catholique des Services pour la Jeunesse Féminine). Die Mobilität von jungen Menschen reicht über die nationalen Grenzen hinaus und erfordert internationale Zusammenarbeit.
IN VIA leistet einen Beitrag zum Austausch, zum Verständnis und zur Integration in Gesellschaft junger Menschen untereinander über die nationalen Grenzen hinweg.
3. Zielgruppe
Zielgruppe von IN VIA sind Kinder und junge Menschen,
- die wegen der Vielfalt von Werten, Mentalitäten und Lebensformen bei gleichzeitigem Wandel traditioneller und verlässlicher Lebenswege verunsichert sind
- die ausländischer Herkunft sind und in Deutschland leben
- die bei ihrer Identitätsfindung Unterstützung brauchen
- die individuell beeinträchtigt sind
- die sozial benachteiligt sind
- die vor und in Ausbildung stehen, Arbeit suchen oder Arbeitsbegleitende Hilfen brauchen
- die ihre Rolle innerhalb des Spektrums zwischen traditionellen Geschlechterrollen und zu neuen Rollenbildern finden müssen
- die sich gemeinsam mit anderen fort- und weiterbilden wollen
- die sich gesellschaftlich engagieren wollen
sowie Frauen, die in von Männern dominierten Berufsfeldern arbeiten möchten und unterstützt werden wollen, die von Langzeitarbeitslosigkeit bedroht sind, bzw. wieder ins Berufsleben zurückkehren möchten.
4. Aufgabenfelder
IN VIA antwortet auf den Hilfe- und Unterstützungsbedarf junger Menschen mit folgenden Diensten:
- Beratung
- Berufliche Lebens- und Entwicklungsplanung
- Berufshilfe und Beschäftigung
- Jugendwohnen
- Bildungs- und Qualifizierungsangebote, insbesondere in sozialen, pflegerischen und hauswirtschaftlichen Berufsfeldern bereits erprobt
- Förderung sozialen Engagements
- Au-pair-Vermittlung
- Internationale Jugendprojekte
- Schulsozialarbeit
- Bildung und Betreuung in Schulen
- Bahnhofsmission
- Freizeitangebote
5. Ziele
Die Angebote von IN VIA helfen jungen Menschen,
- ihre Stärken zu entfalten, ihre Interessen zu vertreten, ihren Weg zu finden und ihre Entscheidungen selbst zu verantworten,
- in sozialen Bezügen zu leben, da Selbstentfaltung Gemeinschaftsbezug voraussetzt,
- ihr Recht auf Bildung einzufordern und wahrzunehmen,
- sich über die Vielfalt an Berufsmöglichkeiten zu informieren und zu orientieren,
- sich unter Berücksichtigung der Realisierbarkeit ihrer Berufswünsche nach Neigung und Begabung zu entscheiden,
- aktiv an der Gestaltung des gesellschaftlichen und kirchlichen Lebens mitzuwirken und Verantwortung zu übernehmen,
- in unserer Gesellschaft ihren Standort zu finden,
- sich für Fremdes zu öffnen und interkulturelles Leben als Gewinn zu erfahren.
6. Engagement in Gesellschaft und Kirche
IN VIA setzt sich dafür ein, dass Gesellschaft und Kirche für die Belange von jungen Menschen sensibilisiert werden, dass Chancengleichheit für Frauen und Männer geschaffen und die Benachteiligung von Frauen aufgehoben wird.
IN VIA tritt dafür ein, dass Männer wie Frauen sich in sozialen Diensten und Berufen engagieren, dass die Berufswege und -bilder den aktuellen Erfordernissen angepasst werden und dass diesen Berufsgruppen der ihnen gebührende gesellschaftliche Stellenwert zukommt. Einseitigen Darstellungen und klischeehaften Rollenzuweisungen wie "Engagement im sozialen Bereich ist Frauensache" wirkt IN VIA entgegen.
IN VIA wirkt an der gesellschaftlichen Offenheit für interkulturelles Zusammenleben mit.
IN VIA sieht die Diskrepanzen zwischen Verlautbarungen der Kirche und dem konkreten Leben vieler Menschen, macht darauf aufmerksam und entwickelt - wo es nötig ist – Lösungsansätze für deren Überwindung. IN VIA sorgt mit dafür, dass der diakonische Auftrag der Kirche angemessen wirksam wird.
IN VIA fördert ein Bündnis der katholischen Frauenverbände zur Vertretung der gemeinsamen Interessen und zur Stärkung der Rolle der Frau in Kirche und Gesellschaft.
Der Verband IN VIA trägt durch das Vorleben der Inhalte der christlichen Botschaft dazu bei, dass die Kirche Heimat für Benachteiligte werden kann.
IN VIA will bei Frauen Interesse und Bereitschaft für Führungs- und Leitungsaufgaben fördern. Frauen sollen in ihrem Selbstbewusstsein für diese Aufgaben gestärkt werden. Führungs- und Leitungspositionen bei IN VIA werden in der Regel von Frauen wahrgenommen. Ausgehend von der Erkenntnis, dass Gott den Menschen als Frau und Mann gleichwertig geschaffen hat, setzt IN VIA sich ansonsten dafür ein, dass Positionen in Kirche und Gesellschaft grundsätzlich gleichberechtigt von Frauen und Männern besetzt werden.
7. Grundhaltungen
IN VIA Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind bemüht um eine christliche Lebenshaltung und treffen ihre Entscheidungen in der konkreten Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen.
IN VIA Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter begegnen der Pluralität der Lebensformen in unserer Gesellschaft unvoreingenommen und offen. Dabei ist es notwendig, die jeweils eigenen Vorstellungen mit denen anderer zu konfrontieren, um über ein tieferes Verstehen Toleranz und Akzeptanz möglich werden zu lassen.
IN VIA Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gehen Konflikten nicht aus dem Weg um Weiterentwicklung zu gestalten.
IN VIA Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bieten den jungen Menschen Reibungsfläche und Herausforderungen an, indem sie Grenzen zu ziehen lernen und indem sie eigene christliche Werte deutlich einbringen.
8. Grundsätze
IN VIA arbeitet vornehmlich präventiv. Die Angebote sollen Krisen und Fehlentwicklungen vorbeugen.
IN VIA leistet eine Sozialarbeit, die sich an den individuellen Bedürfnissen und Anforderungen von jungen Menschen, von Mädchen und jungen Frauen ausrichtet. Der Verband trägt zur Entwicklung persönlicher und beruflicher Lebensperspektiven bei und richtet sich auf die Verbesserung struktureller und finanzieller Bedingungen.
Bei der Entwicklung von Arbeitszielen und Konzepten werden die jeweiligen Zielgruppen mit einbezogen. Es gelten die Grundsätze:
"mit“ jungen Menschen und nicht nur „für“ sie und – „Fördern und Fordern von jungen Menschen“
Die Sozialarbeit bei IN VIA setzt an den Stärken der jungen Menschen, der Mädchen und jungen Frauen an. Der Verband berücksichtigt die jeweilige Lebenslage und fördert Selbsthilfekräfte und Selbstständigkeit.
Die helfende Beziehung zu den Menschen ist geprägt durch Empathie und Akzeptanz.
Diese Einstellungen sollen ermöglichen, im Miteinander nach Wegen zu suchen und die jungen Menschen zu befähigen, ihren Bedürfnissen entsprechend zu handeln und ihr Leben zu gestalten.
Die Bereitschaft zur Reflexion der eigenen Sozialisation spielt in der Arbeit von IN VIA eine bedeutende Rolle, damit tradierte und persönliche Rollenbilder nicht unbewusst Konzepte und Beratungssituationen beeinflussen. Aufgrund der Nähe zur Zielgruppe und regelmäßiger Reflexion und Evaluation der Arbeit spürt IN VIA soziale Notlagen vorausschauend auf, um dann in Lücken und an Nahtstellen des sozialen Netzes wirksam zu werden. Dies verlangt Offenheit und Bereitschaft, in der Besinnung auf die Wurzeln und die Tradition des Verbandes, aber auch Veränderungen zuzulassen, um Kapazitäten für neue Aufgaben freizusetzen, die entsprechend dem gesellschaftlichen Wandel wahrgenommen werden müssen.
Zur optimalen Erfüllung der Aufgaben werden innerverbandliche und verbandsübergreifende, örtliche und überregionale, fachbezogene und fachübergreifende Ressourcen vernetzt. Kooperation spielt bei IN VIA eine wichtige Rolle.
9. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
IN VIA arbeitet mit ehrenamtlich und hauptberuflich tätigen Frauen und Männern im Vorstand und in der Facharbeit und mit Ehrenamtlichen im Verbandsrat. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von IN VIA gestalten ihre Arbeit in Freiheit und Verantwortung.
Sie haben die Möglichkeit, sich mit ihren persönlichen Stärken einzubringen und das Gesicht des Verbandes mitzuprägen.
IN VIA favorisiert ein partizipatives Führungs- und Leitungsverständnis.
Bei der Arbeitsgestaltung wird die Bereitschaft zur inner- und überverbandlichen Kooperation erwartet. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter reflektieren ihre Arbeit in regelmäßigen Abständen gemeinsam mit anderen Mitarbeiterinnen bzw. mit Fachkolleginnen. Für die Überprüfung und Weiterentwicklung der Arbeit gewährleistet der Verband Zeit und Raum.
Sowohl die hauptamtlichen als auch die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben Anspruch auf Hilfen zur Auseinandersetzung mit Praxisfragen und auf Fortbildung zur Erweiterung ihrer fachlichen und personalen Kompetenz.
Zur Förderung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bietet IN VIA auch selbst fachliche Begleitung und Fortbildung an. IN VIA sorgt für spirituelle Impulse und geistliche Beratung und Begleitung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
10. Vernetzung
Mitglieder, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von IN VIA sind unterwegs, um diese Welt im christlichen Geiste mitzugestalten. Sie erleben die Spannung zwischen ihrer Kirchlichkeit, ihrem Glauben und den Entwicklungen in der Welt. Auf diese Herausforderung lassen sie sich gemeinsam ein. Innerverbandliche und überverbandliche Kooperation stärken und stützen sie und erweitern ihre Möglichkeiten. Kooperation bildet eigene Kräftefelder, erschließt neue Ressourcen und macht das Beste aus den Talenten.
Die Kompetenzen der verbandlichen Gliederungen auf unterschiedlichen Ebenen und deren demokratischen Gremien werden geachtet und gestützt. Die Internationalität des Verbandes lässt das tragende Netz über die nationalen Grenzen hinausreichen.
11. Ausblick
Die Arbeit von IN VIA will insbesondere antworten auf die Bedürfnisse und Nöte von jungen Menschen, von Mädchen und jungen Frauen.
IN VIA will auch zukünftig daran arbeiten, diesem Anspruch mit der nötigen Flexibilität gerecht zu werden. Für die Notwendigkeit präventiver Hilfen für junge Menschen tritt IN VIA auch in Zukunft mit Nachdruck ein. In dem Bewusstsein der verbandlichen Eigenständigkeit stellt sich IN VIA der Spannung zwischen den eigenen inhaltlichen Ansprüchen an die Arbeit und den Förderbedingungen der Zuschussgeber.
Die weltweite Mobilität von jungen Menschen wird weiterhin für IN VIA eine Herausforderung sein. IN VIA will daran mitwirken, dass über soziale Strukturen bereits in den Herkunftsländern Migrationsberatung und Migrationshilfen erfolgen können. Ebenso ist IN VIA bereit, mitzuwirken, dass durch Hilfe zur Selbsthilfe der Druck zur Migration gemindert wird.
IN VIA ist seit der Gründung ein Verband von Frauen für Frauen und Teil der Frauenbewegung innerhalb von Kirche und Gesellschaft. IN VIA will sich mit den Entwicklungen und Strömungen innerhalb der Frauenbewegung auseinandersetzen und den eigenen Standort klären.
IN VIA ist Name und Programm. AUF DEM WEG - unterwegs - beschreibt der Verband sein heutiges Selbstverständnis, in der Gewissheit und mit der Aufmerksamkeit, dass neue Fragen und Probleme neue Antworten verlangen. Der Glaube an das Wirken Gottes in der Welt und die reichhaltigen Erfahrungen innerhalb der verbandlichen Tradition geben dabei Kraft und Orientierung für die Zukunft.
Arbeitsgruppe Verbandsrat IN VIA Köln, 14.12.2010

